Zeiten des Sturms

Zarte Bande

28. Hausmond ?

Luca kippte das Wasser über Bord und stellte den Bottich ab, um ein paar Minuten die Füße über den Rand des hinteren Deckes baumeln zu lassen.

Die Stimmung an Bord war merkwürdig; Su Yi klammerte sich ans Bugnetz oder Gorram, Anril zog sich in sich selbst zurück, wie zu den schlimmsten Zeiten der zurückliegenden drei Jahre und Kintari tat so als sei er Luft, außer wenn Anril schlief. Sogar die Zwillinge waren ernst und kaum zu Späßen aufgelegt.

Seufzend beugte Luca sich nach vorne, legte die Unterarme auf den Oberschenkeln ab und starrte auf das unmöglich blaue Wasser.

Ein Schatten huschte unter dem Schiff her und verschwand in der Tiefe. Luca runzelte die Stirn und versuchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Nichts tat sich. Luca nahm den Bottich wieder auf; er würde unter Deck gehen und schlafen, dieses ewige Meer ermüdete seinen Verstand.

 

Ein weiterer Tag oder mehr oder weniger war vergangen. Zumindest genug Zeit, um Hunger bei der Mannschaft zu wecken und ihn dazu zu bringen ein festliches, kaltes Mahl anzurichten. Luca hatte extra alle Teller an Bord genutzt und sich Zeit beim Spülen gelassen, doch nun würde er wieder nichts zu tun haben. Die Zeit zog sich endlos und die blöde Sonne war noch nicht mal im Zenit angekommen. Er kippte den Bottich und das Spülwasser platschte in das schillernde Meer. Ein Klirren und Luca beeilte sich, den Bottich wieder aufzurichten. Doch zu spät, der Löffel war schon ins Meer gefallen und sank rasch aus seiner Sichtweite. Verdammt.

Luca stand lange da und starrte dem Löffel hinterher. War da schon wieder ein Schatten? Neugierig beugte er sich vor und suchte das Wasser ab.

„Was ist das?“, fragte ein lieblich Stimme und Luca zuckte zusammen. Nahe des Hecks ragten Kopf und Schultern eines schönen Mädchens aus dem Wasser. Ihr goldblondes Haar schmückte ein Kranz aus Muscheln und eine schimmernde Perle lag an ihrem Hals. Sie hielt den Löffel in einer schmalen Hand.

Luca starrte sie an. Su Yi hatte gesagt, dass sie mit niemandem reden sollten. Doch als sie begann ihr Spiegelbild in der Wölbung des Metalls zu betrachten und sich ihre Haare aus dem Gesicht zu streichen, konnte er sich nicht mehr zurückhalten.

„Es ist ein Löffel. Zum Essen.“

„Ein Löffel?“, fragte sie und betrachtet den Gegenstand. „Was sollte man denn damit Essen?“

„Suppen und Eintöpfe.“ Luca wurde rot, als er realisierte, dass es wohl kaum möglich war unter Wasser eine Suppe zu kochen. Was aßen Nixen eigentlich?

Der fragende Blick des Mädchens lag auf ihm.

„Ähmm, Suppe ist Wasser, in dem Fleisch und Gemüse gekocht wird. Es nimmt dadurch Geschmack an, wärmt sehr gut und ist nahrhaft.“

„Ihr esst Wasser?“ Endloses Erstaunen sprach aus ihrer Stimme und ungezügelte Neugierde aus ihren Augen.

Luca zuckte mit den Schulten. „Man könnte es auch trinken nennen.“

„Erzähl mir mehr.“, verlangte sie. „Warum kippst du das Wasser weg? Was machst du? Kommst du vom Land?“

Luca fühlte sich überfordert von den ganzen Fragen, aber er konnte sich den großen blauen Augen nicht entziehen. Nervös warf er einen Blick über die Schulter.

Er hörte Su Yi, die den Zwillingen Anweisungen zurief. Sie waren beschäftigt. Anril war schlafen gegangen, was hieß, dass auch Kintari nicht plötzlich auftauchen würde. Er wandte sich wieder der Nixe zu und begann zu erzählen. Er berichtete von dem Hof in der Arwinger Mark, auf dem er aufgewachsen war, seiner Familie und den mordlustigen Schweinen, die sein Vater jedes Jahr für Gunwars Fest im Winter mästete. Von der Stadt an der Kristallsee, dem Hafen, dem Trubel der verschiedenen Rassen und Kulturen, die sich dort trafen. Von seinem Wunsch Rezepte aus allen Länder an den Binnenmeeren zu lernen und Meisterkkoch zu werden. In einer großen Stadt ein Gasthaus zu eröffnen, in dem jeder sich ein exotisches, hervorragendes Mahl leisten kann.

Sie hing an seinen Lippen, unterbrach ihn mit neugierigen Fragen und erzählte ihrerseits von einem Leben unter dem Meer. Sie unterbrachen ihre Gespräche, wenn Su Yis Rufe verstummten oder die Schritte von Kintari oder Anril an Deck zu hören waren. Luca kochte, konnte aber kaum erwarten, wie aufs hintere Deck zu schleichen und Fivalia wiederzusehen. Er vergewisserte sich, dass er allein war und ließ dann seine Füße über Bord baumeln. Sie tauchte aus der Tiefe auf, frisch und schön wie ein junger Morgen und legte ihre Oberarme auf das Holz des Decks und ließ ihre blassrote Flosse hinter sich her ziehen.

 

Er fühlte sich ihr zugeneigt, liebte die verspielten Worte aus ihrem Mund und die staunende Neugierde in ihren Augen, wenn er ihr von fernen Wesen und Orten erzählte. Für die end- und ereignislosen Stunden und Tage an Bord eines Schiffes in einer fremden Welt wollte er sie nie mehr missen.

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